ProSENIS GmbH
ProSENIS steht für eine gemeinnützige Gesellschaft, die sich der Aufgabe verpflichtet hat, jene Menschen verantwortungsvoll zu unterstützen, die ihr Leben nur eingeschränkt selbstständig gestalten können.
Im Zentrum der Aktivitäten, die sowohl dauerhafte als auch vorübergehende Unterstützungsangebote beinhalten, stehen die Betreuung mehrfachbehinderter blinder, pflegebedürftiger und demenzkranker Menschen, sowie altersgerechtes und eigenständiges Wohnen.
Das Ziel der ProSENIS Service gem. GmbH ist es, blinden, sehbehinderten und pflegebedürftigen Menschen bei der Bewältigung ihrer aktuellen Lebenssituation Hilfe zu geben, damit sie in vertrauter Umgebung ein selbstbestimmtes, weitgehend selbstständiges und bedürfnisorientiertes Leben führen können.
Die Maler vom Haus am Julianenpark
Von Elisabeth Siegmund-Schultze
Im Verlauf dieses Jahres 2011 habe ich mehrmals erlebt, dass ein Leben -mein Leben- mit ca. 82 nicht mehr sehr lang sein kann. Manchmal empfand ich Schwächen, etwas kranke Tage. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Wie lange werde ich diese gute Munterkeit, diese Aktivitäten noch durchhalten? Das fragte ich mich.
Dadurch wurde mir wichtig, folgende Erklärungen aufzuschreiben:
Seit Anfang 2003 lebe ich in einer Wohnung auf dem Gelände von ProSENIS Haus am Julianenpark in Leer-Loga.
Ich habe mir Gedanken über die Menschen gemacht, die ich hier im Heim antreffe. Es ist klar ersichtlich, dass das Alter allein schon Einschränkungen für jeden Menschen mit sich bringt Außerdem gibt es Folgen von Brüchen, Schlaganfällen und Lähmungen verschiedener Art.
Nach kurzer Zeit sprach mich der Sozialarbeiter des Heimes, Reinhard Bansemeier an, er hatte meine Aquarelle im Zimmer meines Mannes gesehen und fragte mich, ob ich eine Malgruppe leiten wolle. „Nein, auf keinen Fall, das kann ich nicht." Ich hatte noch nie eine Gruppe in der Art geleitet.
Der Sozialarbeiter versprach mir, dabei zu helfen. Er brachte mir die Bewohner mit Rollstuhl herunter in den Malraum.
Nun ging ich auf die aufregendste Zeit meines Lebens zu.
Ich stand dann vor der Aufgabe, Menschen, älteren Menschen zu zeigen, dass jeder malen kann. Diese Leute stammen wie ich aus einer Generation, die das Arbeiten gründlich gelernt hatte, aber beim Malen meist keine Übung hatte. Wir hatten in den Kriegsjahren einfach keine Zeit zum Malen, oder die Lehrer hatten später kein Gespür dafür, diese Begabung zu wecken.
Eine Erinnerung an meine Schulzeit habe ich, als eine Lehrerin eine Tuscharbeit unter einem bestimmten Thema verlangte. Ich gab mir viel Mühe und war mit Lust dabei, um zu hören: Thema verfehlt! So verdarb mir diese Lehrerin alle Lust, etwas zu malen. Ich nehme an, es wird anderen auch so gegangen sein.
Nun hatte ich tatsächlich so eine „Lehrtätigkeit" noch nie in meinem Leben gemacht. Kurz gesagt, ich hatte eine große Angst davor.
Ja, so saßen wir in unserm ,,Atelier" vor den leeren Bögen, neben uns die Tuschkästen und Pinsel.
Dann kam mir eine rettende Idee: Ich fragte die Maler, ob sie einen Garten gehabt hätten, ehe sie ins Heim kamen. Nachdem sie das bejahten sollten sie mir mal aus der Erinnerung einen Baum, Büsche, Blumen und Rasengrün mit Tusche auf das Blatt bringen.
Natürlich brauchten sie viel Mut dazu, aber durch beharrliches Üben jede Woche hatten wir immer bessere Ergebnisse.
Manche brauchten einen Blumentopf, oder eine Vorlage aus einem Kunstbuch um eine Anregung zu bekommen.
Um unsere Bilder zur Geltung zu bringen, habe ich die DIN A4-Blätter erst mal mit Stecknadeln auf Styroporplatten aus dem Baumarkt gepinnt und an die Wand gehängt.
Eine Frau sagte eines Tages: „Wir müssen aber auch geprahlt werden". Was sie damit meinte, musste ich erst herausfinden. Jetzt weiß ich, dass es loben heißen müsste.
Ich probierte zunächst mit teuren, gekauften Passepartouts etwas aus - unbefriedigend, weil zu teuer bis ich darauf kam und die Bilder einfach mit einem sehr schmalen dunkelblauen Papprand hinterlegte, das wirkte wie eine Schattenfuge, um sie dann auf ein cremefarbenes Passepartout zu legen. Dann wurde alles schön gerahmt, hinter Glas mit einem kostbar aussehenden Rahmen. Schon waren unsere Bilder Ausstellungsreif.
Wir bekamen dann auch bald die Gelegenheiten dafür. Das hat natürlich unsere Maler auch wieder angeregt, Lust zum Malen zu behalten. Einige Maler konnten bei Vernissagen dabei sein.
Gerade haben wir wieder gemeinsamen Erfolg mit einer Ausstellung in unserem Treppenhaus.
Jeder Maler bekommt seine eigene Mappe für seine Bilder, so können wir sie immer leicht wieder finden, oder mit aktuellen vergleichen.
Ganz wichtig ist es mir, Freude in den langen Alltag der Bewohner zu bringen, etwas Auflockerung. Einmal sollen sie blanke Augen kriegen, das ist ein kleines Ziel. Außerdem haben sie Erfolgserlebnisse mit ihren Bildern. Und ich freue mich, wenn sie auch mal wieder lachen können, und wenn es nur eine kleine Zeit ihres langen Tages ausfüllt.
Ich achtete sehr darauf, dass jeder Teilnehmer sich sehr sicher fühlen konnte, d.h. es gab keinerlei Bewertung, auch keine Vergleiche mit den Nachbarmalereien. Sie sollten wissen, es kommt nicht auf Leistung oder Wirkung an, sondern allein auf ihre Lust dabei, dann war es für uns gleich, wie das Bild aussah.
Als einmal eine sehr kritische Frau ihre Malnachbarin fragte, als diese ihre Menschen wie Chagall an den Himmel malte: „Wat schall dat ween“? Die Malerin war zwar sehr dement, aber hatte doch Humor und erwiderte: „Dat is een fliegenden Stutenkeerl“.
Ich wollte dieser Frau nun ein sicheres Umfeld verschaffen und setzte beide Frauen weit genug auseinander, sodass neue kritische Nachfragen nicht mehr vorkommen konnten.
Wenn jetzt jemand kritisiert am Verhalten von Dementen, dann lasse ich es nicht zu, versuche sie abzulenken und wechsle das Thema, durch einen Scherz oder eine Geschichte.
Eine wichtige Regel habe ich für die Gruppe, dass wir niemals selbst in ein Bild hineinmalen, das wäre in meinen Augen herabwürdigend für die Bewohner.
Ich erwarte von den Bewohnern immer, dass sie mit der gelähmten Hand helfen, das Blatt oder den Malrahmen zu halten.
Wir haben hier im Heim auch etliche sehbehinderte Leute, die sagen nun noch mehr, das kann ich nicht.
Das fordert mich heraus, sie zu bitten, es trotzdem zu versuchen und zwar haben wir dann mit kräftiger, dicker Farbe und größeren Formen gearbeitet, mit schönen Erfolgen.
Eine unserer Malerinnen war sehr schwach und konnte nicht aufstehen. So brachte ich ihr eine große Plastiktüte zum Schutz für das Bettzeug, dann kriegte sie von mir Malpapier und Ölkreiden. Sie uralte gern die Motive von Kunstkarten ab, das wurde sehr schön. Wir haben später Postkarten davon gedruckt.
Nun möchte ich noch auf die Entwicklung unserer Techniken eingehen. Zuerst haben wir ganz einfach auf 160er Papier mit Tusche und Pinseln gemalt. Es war kein besonderes Aquarellpapier.
Dann beobachtete ich, dass manche Bewohner Einschränkungen hatten beim Halten von Pinseln, So „erfand" ich unsere Malschwämme. Ich kaufte gute Naturbadeschwämme, schnitt sie in drei Teile, band mit einem Gummiband einen Stiel, und schon war der praktische Schwamm fertig. Sie sind sehr beliebt bei allen Malern.
Später kam ich darauf, den Malern die Arbeit zu erleichtern, die motorische oder Kraftdefizite haben, indem wir Tapetenkleister dick anrühren, und ihn vor der Farbe auf das Papier, oder die Keilrahmen bringen.
Sehr gern malen wir augenblicklich abstrakt, wenn wir den Kleister verteilt haben, kommt dicke Farbe aufs Bild, die dann ohne Pinsel, nur mit einer alten Bahncard o. ä. wie eine Spachtelarbeit, verteilt wird. Das wirkt ganz großartig.
Ich habe durch meine private Situation viel gelernt. Anfang 20 lernte ich meinen späteren Mann kennen, er hatte schwere Folgen der Kinderlähmung, im Rollstuhl, sehr hilflos. Wir haben es gewagt, trotzdem zu heiraten und Kinder zu haben.
Was ich sagen möchte, ist folgendes: Wir durften zusammen lernen, aus den gesunden „Resten" etwas Gutes zu gewinnen.
Den Heimbewohnern gegenüber habe ich mir im Laufe der Jahre angewöhnt, sie genauso zu behandeln, wie ich es mit meinem Mann lernen durfte, ich habe das Gesunde angesprochen, also voller Achtung, Respekt und niemals von oben herab.
Sicher half mir meine Erfahrung in meiner Ehe mit dem Polio-gelähmten Mann. Wir hatten zusammen versucht zu malen - einfach mit Tusche, nachdem er gesagt hatte: ich kann das nicht. Ich behauptete, dann hast du es nur nicht richtig probiert.
Und es gab ein sehr schönes Ergebnis. So geht es mir heute mit den Bewohnern im Heim, die sagen, ich kann nicht malen, dann möchte ich sagen: dann haben Sie es nur nicht genügend probiert.
Dass ich die Bewohner ein wenig glücklicher sehen möchte, habe ich schon erwähnt, ihnen den Alltag etwas aufzulockern, ist mein Ziel. Dabei fällt auch für mich immer wieder ein Stück Freude ab.
Mein Wunsch ist nun, es sollte nicht verloren gehen, was hier Gutes gewachsen ist und es sollte für andere Menschen vielleicht verwertbar sein.
Elisabeth Siegmund-Schultze
